Montag, 22. Juni 2020

Nachtdienst für Nadine

Ich sitze hier am Tisch gegenüber von D., wir haben Nachtdienst. Unsere Patienten schlafen jetzt. Die Monitore laufen, im Moment kein Alarm, die Tabletten sind gestellt, die BTMs gezählt, im Radio läuft "nothing but mamels" von der Bloodhound Gang. Dass ich hier sitze ist ein Beispiel für Unsolidarität, meine Kollegin Nadine ist bis 26.6. krank geschrieben, hat aber auf Facebook, wo sie u.a. auch mit mir befreundet ist, gepostet, wie toll Alkohol mit Schmerztabletten kickt, dass sie gerade eine super Zeit hat mit nackten Nachbarn, die durch die Gegend laufen und ihr Hippieleben scheiße finden. Ich finde es auch toll, dass es ihr gut geht. 
Ich glaube, das Problem ist einfach, dass - und da ist Nadine nicht anders als andere - man sich immer so wenig vorstellen kann, was es konkret heißt, in dem Fall, dass dann jemand anders aus seinem Frei kommen muss, um den Dienst zu machen. Heute ich. Während ich das aufschreibe fällt mir die Kollegin ein, die hier nicht mehr arbeitet, weil immer wieder die gleichen Leute plötzlich krank waren, verschlafen hatten und immer wieder die gleichen Leute gefragt wurden, ob sie einspringen können, sie arbeitet jetzt unten in der Ambulanz und macht eine Arbeit, die ich langweilig finde. 
Naja, ich kann ein Video davon machen. Ein Video in dem sich zwei Frauen unterhalten. 
Vielleicht poste ich das auch auf Facebook, das, was ich hier geschrieben habe. Das macht man ja jetzt - das Leben ist erst wirklich, wenn es auf einer Art Bühne präsentiert wird, damit andere es bewerten können, 10 likes und drei Kommentare. Manche bekommen auch mehr - likes und Kommentare - dahinter ist keine Struktur. Immanuel hat mal gesagt, das lässt sich nicht konstruieren, es ist einfach irrational, grundlos wie Zufall. Das ist der Zufall, den wir produzieren und für die, die in diesem System keine Anerkennung generieren können, gibt es nur die Möglichkeit es noch einmal zu versuchen.
Für die die in unserer Gesellschaft nicht zu den Gewinnern gehören, nicht bewundert werden, keine Anerkennung bekommen, für die unscheinbaren, die durchschnittlichen, die Mehrheit, für die gibt es nicht mal Trost, für die hat unsere Gemeinschaft nichts. Kein Wunder, dass so viele wütend sind, frustriert, unzufrieden, sich scheiße fühlen, ausgebeutet. Obwohl wir doch diejenigen sind, die andere ausbeuten, obwohl wir doch alles haben, soo reich sind: reich, fett und unzufrieden.
Wir sind so gut darin, es uns gegenseitig zu vermiesen in großem Maßstab.



1 Kommentar:

  1. ich feier jetzt diesen text - prost - ich trinke keinen alkohol trinken schade. und nackte nachbarn gibts hier auch nicht... aber ich feier trotzdem.

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